© Dieter Mayr

Doris Dörrie im Interview

“Ich finde es besser von Wahrhaftigkeit anstatt von Wahrheit zu sprechen.”

Mit Doris Dörrie als Schirmherrin freut LICHTER sich 2017 auf eine ganz besondere Größe des deutschen Films, die u. a. auch ihren Film Grüsse aus Fukushima in einer Carte Blanche präsentieren wird (nähere Infos unten). Im Kurzinterview hat sie uns Rede und Antwort gestanden – zum Thema Wahrheit, zum Filmschaffen im Allgemeinen und natürlich zu ihrer eigenen Arbeit.


Frau Dörrie, passend zu unserem Schwerpunktthema in diesem Jahr, haben Sie sich in ihren Werken oft mit Fragen nach Wahrheit und Lüge in den Künsten beschäftigt. Welche Bedeutung haben die Themen in Ihren Filmen?

Man versucht als Erzähler ja grundsätzlich eine Wahrhaftigkeit, eine Wahrheit zu erzählen. Mich interessiert vor allem eine Wahrhaftigkeit der Charaktere und ihrer Welt, in der sie leben. Deshalb habe ich mir schon vor langer Zeit – achtzehn Jahre, um genau zu sein – angewöhnt, sehr dokumentarisch zu arbeiten. Das kam mit meinem Film Erleuchtung garantiert, der mit der ersten kleinen digitalen Kamera gedreht wurde. Durch die immer kleiner werdende Technik konnte ich die Forderungen des Cinéma Verité sehr gut umsetzen. Dabei habe ich gemerkt, was für ein großartiges Geschenk es ist, wenn man der Realität erlauben kann, in die Fiktion einzugreifen. Das ist eigentlich der umgekehrte Weg von dem, was Spielfilme klassischerweise machen: Realität zu reinszenieren. Kirschblüten – Hanami und auch Grüsse aus Fukushima spielen viel mit Realität. Ich erhoffe mir so, zu einer größeren Wahrheit zu kommen – weil man als Zuschauer natürlich spürt, dass vieles nicht ausgedacht ist, sondern dass man den Charakteren vertrauen kann, da sie aus einer anderen Wirklichkeit kommen. Ich versuche an die Wahrheit heranzukommen, indem ich der Realität viel Platz gebe.
Darüber hinaus drehe ich auch wirkliche Dokumentarfilme – der letzte war Dieses schöne Scheissleben in Mexiko. Als Dokumentaristin habe ich natürlich eine andere Aufgabe: da heißt es zusehen und nicht fiktionalisieren – wobei man das im Schneideraum bei der Auswahl der Filmszenen natürlich doch tut.


Da wir gerade bei Dokumentationen sind: welche Wahrheit steckt Ihrer Meinung nach in Fakten?

Ich finde diese Wahrheitsdiskussion sehr schwierig – wir wissen alle, dass es keine eine Wahrheit gibt. Ich glaube, es braucht immer eine wahrhaftige Motivation, um die Wahrheit zu ergründen. Film manipuliert immer. Auch der Dokumentarfilm. Deswegen finde ich es besser, von „Wahrhaftigkeit“ anstatt von „Wahrheit“ zu sprechen. Fakten, das ist Dokumentation, aber wir sprechen ja vom Dokumentarfilm. Diese Unterscheidung muss man genau beachten, gerade in Zeiten von Diskussionen um alternative Fakten.


Neben Ihrem Filmschaffen lehren Sie an der Filmhochschule München. Haben Sie das Gefühl, dass sich Studierende aktuell mehr mit Fragen nach Wahrheit auseinandersetzen?

Was ich immer wieder beobachte ist, dass die Angst vor der wirklichen Welt größer wird. Die Bereitschaft in die Welt hinaus zu gehen, sich in der wirklichen Welt eine Meinung zu bilden, nimmt ab. Man zieht sich in den digitalen Raum zurück, der natürlich niemals mit einer eigenen Ergründung vergleichbar ist. Deshalb fordere ich meine Studenten immer wieder auf, ihren eigenen Blick auf die Welt zu finden und zu erforschen. Dafür muss man sich aber in diese wirkliche Welt aufmachen. Auch deshalb bin ich für meinen letzten Film Grüsse aus Fukushima auch direkt in die Katastrophenregion gereist. Ich wollte meine eigenen Empfindungen an diesem Ort spüren und mich nicht auf die Bilder aus den Medien verlassen.


Sie haben den Film in Schwarzweiss gedreht. Warum?

Um diese bereits angesprochene Wahrhaftigkeit zu evozieren. Im Gegensatz zur Banalität der Farbe, die wir aus der alltäglichen Welt kennen, kann man sich bei Schwarzweißfilmen mehr auf den Kern der Dinge und ihre Metapher konzentrieren. Gleichzeitig ist es auch eine Hommage an die alten Meister des japanischen Kinos


Die Atomkatastrophe in Fukushima hat die deutsche Politik dazu bewegt, aus der Atomkraft auszusteigen. Wie blicken die Japaner auf ihre Atompolitik?

Die Menschen in der Region sind jetzt natürlich alle gegen Atomkraft. Der Rest der Bevölkerung und der japanische Premierminister Shinzo Abe würden die Katastrophe am liebsten vergessen. In Japan stehen 56 AKWs – in der Region mit den meisten Erdbeben auf der ganzen Welt. Ich wollte diesen Film auch drehen, weil es durch die Katastrophe eine tiefe Verbindung zwischen Deutschland und Japan gibt. Deutschland hat wegen Fukushima beschlossen, aus der Atomkraft auszusteigen. Im Gegensatz dazu hat in Japan die Suche nach alternativen Energiequellen nicht mal stattgefunden.


LICHTER präsentiert in diesem Jahr 360-Grad-Filme in einer neuen VR-Sektion. Sehen sie in der virtuellen Realität das Kino der Zukunft?

Für technische Entwicklungen bin ich grundsätzlich aufgeschlossen. Für fiktive Formate ist die virtuelle Realität fantastisch, aber wenn man über Wahrheit spricht, darf man nicht vergessen, dass Virtual-Reality-Filmen ein hohes Gestaltungspotenzial innewohnt und sie den Zuschauer besonders manipulieren können.


Was ist die beste Lüge, die sie jemals gehört haben?

Mit zunehmendem Alter klüger und weiser zu werden.


Wir freuen uns Doris Dörrie beim LICHTER Filmfest 2017 begrüßen zu dürfen. Neben dem Eröffnungsabend wird Doris Dörrie auch am Mittwoch, 29. März um 19:15 Uhr ihren Film Grüsse aus Fukushima in einer Carte Blanche zeigen. Das Künstlergespräch im Anschluss führt Rudolf Worschech von der epd film.

Weitere Infos zu Doris Dörrie gibt´s hier.